Blog
Reflexionen über Anusara Yoga, das Unterrichten und die non-duale Shaiva Tantra Philosophie

Tief und oberflächlich – über Ausrichtung, Bewusstsein und das Höchste im Anusara Yoga
Erschienen am 23.12.2025 hier .
Ich schreibe diesen Artikel kurz nachdem ich die letzte von insgesamt zwölf Mentoring-Sessions mit einer Gruppe deutscher Lehrerinnen unterrichtet habe. Das Jahresprogramm hieß „Lückenfühlerinnen“ und war dafür gedacht, noch relativ unerfahrenen Anusara-Lehrer:innen Sicherheit im Unterrichten unserer Methode zu geben.
Der Name entstand aus einem Tippfehler. Aus Lückenfüller wurde Lückenfühler. Und plötzlich passte das Wort noch viel besser, denn es ist unser Anliegen, zuerst das Gute in unseren Schüler:innen und in uns selbst zu sehen – unsere eigene Güte, unsere Fähigkeiten, unser Strahlen – und erst danach zu schauen, wo Entwicklung möglich ist und welche Übungsweisen uns dabei unterstützen können.
Vor Beginn des Mentorings habe ich abgefragt, welche Aspekte des Unterrichtens als besonders herausfordernd empfunden werden. Die Antworten waren sehr unterschiedlich: Für manche waren es die UPAs, für andere das Einweben eines Themas, für wieder andere das Sprechen über das Absolute. Also beschloss ich, über das Jahr hinweg möglichst viele Aspekte unserer Unterrichtsmethode zu berühren – und dann dort in die Tiefe zu gehen, wo es am meisten gebraucht wurde.
Meine eigene Stärke als Anusara Teacher Trainer liegt eindeutig im Verständnis der UPAs und der damit verbundenen biomechanischen Prinzipien. In diesem Bereich verbringe ich den Großteil meiner Aus- und Weiterbildungszeit, ich bin quasi ziemlich tief eingetaucht in das Thema Ausrichtung.
Vielleicht war es genau dieser enge Fokus, mit dem ich meine Mentoring-Gruppe betrachtet und Unsicherheiten wahrgenommen habe. In den meisten unserer monatlichen Sessions ging es um die Loops, das Unterrichten mit den UPAs und vor allem um das „Wie genau und warum“. Umso mehr hat mich das Feedback einer einzelnen Teilnehmerin irritiert: Dieser stark ausrichtungsorientierte Lehrstil wirke zu technisch und nicht besonders „spirituell“ – eher oberflächlich. So wolle sie ihre Teilnehmer:innen nicht unterrichten.
Mein nerdiges Herz war erschüttert! Ich liebe Anatomie. Ich liebe es, wie āsana- Praxis zur eigenen Physiotherapie werden kann, wie sie helfen kann, Schmerzen zu lindern und stärker zu werden. Und ja, ich liebe auch, wie ein tieferes Verständnis all dieser körperlichen Zusammenhänge mein gesamtes Erleben als Bewusstsein in verkörperter Form bereichert. Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht über Loops und Spiralen, über inneren und äußeren Körper oder root to rise nachdenke – begeistert von Erkenntnissen, die ich ebenso gerne mit meinen Schüler:innen teile. Und nun empfindet jemand es als oberflächlich, mehr über den Körper zu lernen und informierter zu unterrichten. Skandal!
Aber halt. Hatte sie vielleicht doch ein kleines bisschen recht? Ist die Arbeit mit dem Körper weniger tiefgründig als die Inspiration aus der Yoga- Philosophie?
Ausrichtung ist eine der drei Säulen im Anusara Yoga. Versteht mich nicht falsch: Die beiden anderen – die non-duale tantrische Philosophie und unsere kula – sind für mich genauso wichtig. Und doch hat das Unterrichten von Philosophie bislang keinen wirklich guten Platz in meinem alltäglichen Unterricht gefunden. Selbst als erfahrene Anusara-Lehrerin fällt es mir schwer, über Themen zu sprechen, zu denen die meisten Menschen scheinbar wenig Bezug haben. Schultern und Sitzhöcker sind für die meisten leicht erfahrbar. Philosophische Konzepte nicht.
Lange Zeit erschien es mir irgendwie oberflächlich, in einer Yogaklasse nur ein paar Minuten über solche Themen zu sprechen – ohne eine tiefere Auseinandersetzung auf Schüler:innenseite voraussetzen zu können. Doch die Mentoring-Gruppe hat mich ein wenig dazu gezwungen, philosophische Themen klarer und methodischer vorzubereiten und zu unterrichten. Und dennoch habe ich in einer regulären Yogaklasse nur 75 Minuten Zeit. Vielleicht erkennt ihr mein Dilemma: Ich sehne mich nach Tiefe – und bewerte alles, was oberflächlicher oder einfach kürzer unterrichtet wird, schnell als weniger gut.
Ein Wendepunkt kam in einem Gespräch mit einem meiner Lehrer, Jayendra Hanley , im Zuge der Vorbereitung unseres europäischen Kula-Treffens im nächsten Jahr. Das Thema unserer ersten gemeinsamen Workshop-Session dort: „Das Höchste zuerst“. Großes philosophisches Kino! Unter anderem stellten wir uns folgende Fragen:
Was ist das Höchste?
Wie wird es in den verschiedenen Schriften gelehrt?
Was bedeutet es, von innen nach außen zu üben – eine Haltung oder ein Gefühl
auszudrücken?
Und was ist das Gegenteil – von außen nach innen zu üben?
Jayendra sagte sinngemäß:
Der Weg von innen nach außen sollte unsere erste Wahl sein. Doch oft fällt es uns schwer – oder ist sogar unmöglich –, unser erstes Prinzip und das Höchste einfach nur zu fühlen, ohne unseren Geist oder unseren Körper als Brücke zu nutzen.
Das Höchste, das wir in der Tiefe unseres Selbst vermuten, scheint oft kaum greifbar. Also suchen wir im Anusara Yoga auf unterschiedlichen Wegen danach:
Wir nutzen den Geist: durch Philosophie, das Unterrichten mit einem Thema, Kontemplation und Denkanstöße, die unsere gewohnten Sichtweisen infrage stellen. Abhinavagupta schreibt: „You can’t think your way to enlightenment.“ Und dennoch kann uns der Verstand helfen, klarer zu sehen.
Wir nutzen den Körper: āsana, pranayama, Energie, Imagination. Dieser verkörperte Weg ist für die meisten Menschen der zugänglichste – kein Wunder also, dass er den Großteil unseres Unterrichts ausmacht.
Und dann gibt es die göttliche Methode für direktes, nicht-konzeptuelles Gewahrsein oder Spirit. Entweder sie erschließt sich sofort, in diesem Moment – oder eben nicht.
Keine dieser Methoden ist besser oder tiefer als eine andere, denn (um Christopher Wallis zu zitieren):
Bewusstsein ist nicht nur tief – es ist überall!
Bewusstsein kann still, ruhig, unbeschreiblich und frei sein. Und Bewusstsein ist auch dynamisch. Beides ist dasselbe Bewusstsein. Das ist es, was wir mit alldurchdringend meinen.
Bewusstsein ist nicht nur verborgen und leicht zu übersehen. Wahre Realität liegt nicht nur in der Tiefe. Sie durchdringt alles – bis an die Oberfläche und darüber hinaus. Ich wiederhole: Bewusstsein ist tief UND oberflächlich! Super-subtil und zugleich greifbar. Reines Sein – und genauso auch das Steißbein.
Körperarbeit ist also EIN Weg, das Absolute in all seinen Facetten besser kennenzulernen. Ausrichtung ist ebenfalls eine Möglichkeit, die Art und Weise zu hinterfragen, wie wir über uns selbst denken, Bewegungs- und Verhaltensmuster aufzudröseln – und dabei ganz nebenbei auch ein bisschen Spaß zu haben.
Wenn wir am Ende der Praxis still werden, ist der Weg nach „innen“ vielleicht etwas leichter geworden. Nicht, weil wir tiefer gegraben haben, sondern weil wir über eine Stunde lang geübt haben, eine andere Haltung einzunehmen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Oben habe ich die drei sogenannten upāyas, die drei Übungswege oder „wirksamen Methoden“, beschrieben: Körper, Geist und reines Gewahrsein. Im besten Fall geben wir allen dreien Raum – in unserem Unterricht und in unserer eigenen Praxis.
Ich möchte euch ein paar Fragen zur Kontemplation mitgeben:
Gebe ich meinen Schüler:innen Raum, einfach nur zu sein, in stillem Gewahrsein zu verweilen – ohne weitere Instruktionen, ohne den Körper zu benutzen?
Wie leicht gelingt es mir selbst, innerhalb weniger Atemzüge tief nach innen zu sinken – ohne die Unterstützung von Denken oder Bewegung?
Wie viele Atemzüge wirklicher Stille gibt es in der anfänglichen Zentrierung, am Ende – oder zwischendurch?
Was bedeutet Tiefe für mich?
Was bedeutet „innen“ für mich?
Kannst Du zustimmen, dass Stille für die meisten Menschen ungewohnt ist und unsere Aufmerksamkeit leicht nach außen wandert – zu Sinneseindrücken, zum Körper, zu dem, was an der Oberfläche sichtbar ist?
Das ist ein Muster und Teil davon, wie sich Realität entfaltet. Wie ein Magnet zieht Shakti stilles Gewahrsein in Bewegung: Gedanken, Gefühle, körperliche Empfindungen entstehen. Wir wandern entlang von Zeitachsen und kehren zurück zu unseren Geschichten über die vermeintliche Realität.
Auch Bewegung folgt gelernten Mustern. Was wir für ideal halten, kann sich ebenfalls als Fehleinschätzung der Realität oder als Ausdruck von Komfort herausstellen. Die Zehen bewusst in den Boden zu drücken, um das Fußgewölbe zu aktivieren, oder das vordere Knie wirklich über dem Sprunggelenk zu beugen, kann für Geist und Körper herausfordernd sein – und doch hilft es vielleicht, uns auf dem Weg des Erwachens neu zu organisieren. Oder zumindest stärkere Füße zu bekommen und etwas freudvoller durchs Leben zu gehen.
Vielleicht liegt Tiefe im methodischen Unterrichten von Anusara Yoga also weder darin, immer weiter nach innen führen zu wollen, noch immer mehr zu erklären. Vielleicht liegt sie darin, allen Ebenen Raum zu geben: dem Körper, dem Geist und dem reinen Gewahrsein.
Das ist es, was ich persönlich aus dem Feedback sowie aus den darauffolgenden Gesprächen und Kontemplationen mitnehme: mehr Raum für alle drei Ebenen. Mehr Stille – und gleichzeitig weiterhin viel Ausrichtung. Julia-Style.
Jai Ma! Shakti Ma! Ananda Ma!
#upayas #anusarayoga #anusara #nondual #tantra #lückenfühlerinnen #mentoring